„Verbindungen verstehen – Verantwortung gestalten“: Die Welt zu Gast an Rhein und Mosel
Zwei Wochen lang erkundeten junge Erwachsene aus zwölf Ländern und vier Kontinenten von der Festung Ehrenbreitstein aus eine Region, die europäische Geschichte wie kaum eine andere spiegelt. Im Mittelpunkt des Forums: sechs thematische Säulen, ein anspruchsvolles akademisches Programm – und eine Direktorin, die mehr war als nur Organisatorin.
KOBLENZ. Wenn 20 junge Menschen aus Armenien, Brasilien, Georgien, Indien, Italien, Moldau, Portugal, Tunesien, der Türkei und den USA gemeinsam durch den Regierungsbunker im Ahrtal und die Maginot-Linie bei Wissembourg erkunden ist das mehr als ein touristischer Programmpunkt. Es ist gelebte Metapher. „Verbindungen verstehen – Verantwortung gestalten“, so lautete das Leitthema des internationalen Lions-Jugendforums 2026, das vom 25. Juli bis zum 8. August in der Jugendherberge auf der Festung Ehrenbreitstein seinen Mittelpunkt hatte. Ausgerichtet vom Distrikt MS 111 der deutschen Lions, brachte es 18- bis 25-Jährige aus aller Welt in eine Region, die vierzehn Tage lang selbst zum wichtigsten Lehrmeister wurde.
Sechs Säulen tragen das Programm
Das Konzept des Forums verzichtete bewusst auf belehrende Vorträge und moralisierende Slogans. Stattdessen ruhte das Programm auf sechs thematischen Säulen, die den Raum zwischen Rhein, Mosel, Eifel und Hunsrück intellektuell erschlossen. Die erste Säule galt den Flüssen als Linien der Bewegung und Begegnung: Rhein und Mosel, seit römischer Zeit Handelsachsen und Streitlinien zugleich, erlebten die Teilnehmenden nicht als Postkartenidylle, sondern als geostrategischen Raum – zu Fuß, bei Flussüberquerungen und in der Stadtbeobachtung.
Die zweite Säule widmete sich den Brücken als Sinnbild von Verbindung, Mut und Überwindung; hier insbesondere die Gedenkstätte in Remagen. Unter der dritten Säule, „Militär und Macht“, machten die Festung Ehrenbreitstein, die französische Maginot-Linie und der Regierungsbunker Marienthal sichtbar, wie Staaten Räume strukturieren, um sich selbst zu sichern. Die vierte Säule öffnete den Blick in die „tiefe Zeit“ der Erdgeschichte: Der Geysir von Andernach, der Laacher See mit seinem noch aktiven Vulkanismus und die römischen Bergwerke bei Meurin zeigten, dass Geologie die stille Bedingung aller Kultur ist. Die fünfte Säule fragte nach der Strukturkraft der Wirtschaft, die sechste schließlich nach Demokratie, Republik und Staat – nach der Fähigkeit von Gesellschaften, aus ihrer Geschichte und ihren Krisen zu lernen, ohne Selbstverklärung, aber auch ohne Zynismus.
Akademischer Anspruch statt Ferienlager
Dass das Jugendforum weit mehr sein wollte als ein internationales Sommercamp, zeigte sein akademischer Kern. Gleich drei Tage verbrachte die Gruppe an der WHU – Otto Beisheim School of Management in Vallendar, einer der führenden Wirtschaftsuniversitäten Europas. Dort diskutierten die jungen Gäste mit Professoren und Unternehmern über globale Lieferketten, Familienunternehmen und Verantwortung und trafen mit Julian Joswig auch einen Bundestagsabgeordneten zum offenen Gespräch. Werksbesuche in der regionalen Industrie machten Wirtschaft konkret erfahrbar. Wissenschaftliche Impulse setzten zudem Dr. Zessin-Jurek von der Europa-Universität Viadrina auf der Festung Ehrenbreitstein, Prof . Ove Jensen mit seinen akademischen Kollegen unter der Koordination von Heike Hülpisch sowie der Geologe Stefan Loos am Laacher See. Im Haus der Geschichte in Bonn und im Kanzlerbungalow schließlich wurde bundesdeutsche Demokratiegeschichte am Originalschauplatz greifbar. Ziel all dessen war, wie es im Programm heißt, die analytische Urteilsfähigkeit der Teilnehmenden zu stärken – die Befähigung, Perspektiven einzunehmen und zu wechseln.
Die Region als Lehrbuch
Kaum ein Programmpunkt wäre andernorts so möglich gewesen. Es ist die besondere Dichte des nördlichen Rheinland-Pfalz, die dieses Forum trug: Vom Deutschen Eck über die Burg Eltz, den Bundesbank-Bunker in Cochem und das Mittelrhein-Museum bis ins flutgezeichnete Ahrtal, wo der Besuch des Regierungsbunkers Marienthal und der Gang durch die Flutregion die Frage nach Krise und Staat auf bedrückend aktuelle Weise verbanden. Ein Tagesausflug führte über die Grenze zum Fort Schoenenbourg an der Maginot-Linie und ins elsässische Wissembourg, ein weiterer nach Köln – die Region Koblenz als Ausgangspunkt, um europäische Verflechtung buchstäblich zu erwandern. Für die internationalen Gäste wurde das Mittelrheintal so zu dem, was das Konzept versprochen hatte: eine Landschaft, in der sich politische, wirtschaftliche, soziale und geologische Kräfte kreuzen wie kaum irgendwo sonst.
Das Gesicht des Forums
Konzipiert und geleitet wurde das Forum unter der Leitung von Dr. Iris Kocak-Laue, Forumsdirektorin und Europabeauftragte des Distriktes MS 111 der Lions. Sie war an allen vierzehn Tagen dabei – bei den Bunkerführungen ebenso wie abends in der Jugendherberge. Dass sich viele Teilnehmende am Ende weniger von einer Organisatorin verabschiedeten als von einer Vertrauensperson, sagt einiges über diese zwei Wochen: Gespräche am Rande, ein offenes Ohr bei Heimweh, echtes Interesse an den Lebenswegen hinter den Bewerbungsunterlagen. Die Bindung, die so zwischen der Direktorin und der Gruppe wuchs, war beim Abschied unübersehbar.
Unterstützung kam aus der Distriktspitze: Distrikt-Governor Christiane Keller-Krische begleitete die Gruppe am Tag der Besichtigung des Bundesbank-Bunkers in Cochem und der Burg Eltz, dem gemeinsamen 4-Gänge Pizza-Wein Event am Abend sowie bei der spätabendlichen Länderpräsentation auf der Festung bevor sie um 0.20 mit den Worten „was war das für ein intensiver, aufregender prall gefüllter Tag mit wunderbaren jungen Menschen, die unsere Zukunft darstellen“ wieder gen Heimat verließ.
Past-Distrikt-Governor Peter Ebeling hieß die Teilnehmenden am ersten Abend in Koblenz willkommen. Getragen wurde das Programm zudem von den Lions-Clubs der Region, deren Mitglieder einzelne Tage gestalteten, Führungen organisierten und die Gruppe bewirteten sowie den LEOS des Distrktriktes, die einen abendlichen Rundgang durch die Altstadt sowie gemeinsames Minigolfen als auch eine Planwagenfahrt organisierten.
Abschied mit Auftrag
Am Ende standen Gruppenprojekte, Präsentationen und ein Abschlussabend auf der Festung – und 20 junge Menschen, die als Fremde kamen und als Netzwerk gingen. „Understanding Connections – Shaping Responsibility“: Was als Motto begann, nehmen sie nun als Auftrag mit in ihre Heimatländer auf vier Kontinenten. Die Region an Rhein und Mosel hat ihnen dafür das Anschauungsmaterial geliefert – und mit dem Lions-Jugendforum 2026 gezeigt, dass Völkerverständigung dort am besten gelingt, wo sie erwandert, erfragt und erlebt werden kann.





