Lahnstein – Vor 60 Jahren

Bezug der letzten Siedlerstelle in Friedrichssegen

Lahnstein. Auf der Nachkirmes am 3. August 1952 in Friedrichssegen unterhielten sich einige junge Ehepaare angeregt über den Bau von Siedlerstellen im Wege der Selbsthilfe. Sie verabredeten sich, den Kaufmann Johannes Knauf zu besuchen, der in Oberlahnstein Initiator des Siedlungsgedankens war. Knauf sagte seine Unterstützung zu und bewog sie, genügend Interessenten zu finden und nach geeignetem Bauland Ausschau zu halten. So wurde am 12. August offiziell die Siedlergemeinschaft St. Martin Friedrichssegen gegründet.

 

Erster Bauabschnitt Ahl 1954 Foto: Sammlung Hans Günther Christ

Über Johannes Knauf wurde der Kontakt zu Siedlungsbaugesellschaften gesucht und schließlich als Trägergesellschaft „Das familiengerechte Heim“ in Worms gefunden. Als Baugelände wurde das Gelände um das sogenannte „Kutscherhaus Multhaupt“ (später als Neuapostolische Kirche bekannt) und im Süßgrund vorgesehen. Das Gelände gehörte Frau Dory Multhaupt von Haus Jungfried, die nach langem Zögern das Gelände den Bauwilligen überließ. Nachdem im September 1952 auch in Oberlahnstein die Siedlergemeinschaft St. Martin gegründet wurde, schlossen sich die Friedrichssegener den Oberlahnsteinern als selbständige Baugruppe mit eigenem Vorstand an. Die Siedler wurden in drei Baugruppen eingeteilt. In Worms und Brühl wurden die entwickelten Haustypen besichtigt, die nach eigenen Vorstellungen weiterentwickelt wurden. Mit der Trägergesellschaft wurden sodann Verträge vorbereitet, Finanzierungspläne mit den einzelnen Siedlern erstellt, Bauland beschafft und ausgewiesen. Bei der Finanzierung half die Siedlergemeinschaft durch die Beschaffung eines Stadtdarlehens von der Stadt Oberlahnstein und von sogenannten Arbeitgeberdarlehen. Der Eigenanteil an der Finanzierung bestand hauptsächlich aus dem Wert der Selbsthilfe. Im Februar 1953 wurde das Bauland gekauft und vermessen. Bereits zwei Tage später fand der 1. Spatenstich statt. Im ersten von drei Bauabschnitten wurden zwei Doppelhäuser und vier Einzelhäuser begonnen. Nur zehn Wochen später, am 15. Mai 1953, wurde Richtfest gefeiert. Neben Frau Multhaupt, Landrat, Bürgermeister und Pfarrer sowie den Siedlern aus Oberlahnstein, kam sogar Bischof Wilhelm Kempf von Limburg als Gast. Der MGV Eintracht sang zur Grundsteinlegung.

1955 wurde die Siedlergemeinschaft von Seiten zuständiger Stellen des damaligen Kreises St. Goarshausen gebeten, acht Umsetzerfamilien aufzunehmen, also heimatvertriebene deutschstämmige ehemalige Bewohner aus den Gebieten Siebenbürgen und Banat. Der Umsetzer-Bauabschnitt wurde nicht in Selbsthilfe errichtet, sondern für die Rohbauten ein Unternehmer eingesetzt.
Als die Stadt Oberlahnstein 1954 sich außer Stande sah, für die Siedlungsneubauten in Friedrichssegen einen Abwasserkanal zu errichten, entschlossen sich die Siedlungswilligen durch vermehrte Eigenleistung einen eigenen Kanal zu bauen, was in einer Rekordzeit von drei Monaten geschah. Dieser Kanal, der 98.000 DM durch die Selbsthilfe ersparte, wurde 1977 durch die Stadt übernommen und 1988 durch einen neu gebauten städtischen Kanal ersetzt.

 

Bauabschnitt Süßgrund Flaggen zum Besuch von Bauminister Lücke 1960 Foto: Sammlung Lahnsteiner Altertumsverein

Im Juli 1954 wurden die ersten acht Siedlerstellen bezogen. Einen Monat später wurde das Baugelände im Süßgrund erworben, im Mai 1955 im 2. Bauabschnitt Richtfest gefeiert und im Juni 1955 die letzten drei Siedlerstellen begonnen. Im Juni 1957 waren schließlich alle Siedlerstellen fertig und bewohnbar. 26 Siedlerfamilien mit 165 Personen konnten aus schwierigsten Wohnverhältnissen in familiengerechte Heime einziehen. Neben Beruf oder Ausbildung haben die Siedler rund 25.000 Stunden Selbsthilfe geleistet – eine stolze Leistung, die 1960 dem Bundeswohnungsbauminister Lücke einen Besuch wert war.

Friedrichssegen entwickelte sich vom „Tal der Verbannten“, wie man noch in den 1930er Jahren spottete, zu einem lebenswerten Stadtteil, in dem heute fast 1000 Menschen leben. Die Siedlergemeinschaft St. Martin Friedrichssegen e. V. (seit 1963 ein eingetragener Verein) unter ihren Vorsitzenden Peter Witt (1952-1956), Alfred Christ (1956-1958) und Hans-Günther Christ (1958-2009) hatte an diesem Wandel zum Guten entscheidenden Anteil, und das getreu dem Siedlungsgedanken in Eigenleistung.

Quelle: Stadt Lahnstein

veröffentlicht am: 25.09.2018

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